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23.02.2010

BURZUM "Belus"


Die Christen warten nun schon fast 2000 Jahre lang auf die Rückkehr ihres Messias.

Die Black Metal-Szene musste "nur" 14 Jahre auf ein neues, metallisches Album von BURZUM warten.

Die beiden reinen Ambient-Alben "Daudi Baldrs" (1997) und "Hlidskjalf" (1999) können m.E. aus diversen Gründen nicht in die Diskographie von BURZUM eingereiht werden, so dass es sich bei "Filosofem" (1996) um das letzte "echte" BURZUM-Album gehandelt hat. Danach sah es so aus, als hätte Varg das Interesse an seinem Musikprojekt verloren; aber vor seiner Haftentlassung hat er dann doch angedeutet, dass ein neues BURZUM-Album im Black Metal-Stil geplant ist.

Diese Nachricht hatte in der Black Metal-Szene die selbe Wirkung wie die Ankündigung des Papstes an die versammelte Christenheit, dass Jesus endlich seine Ankunft auf Erden dem Vatikan telegrafisch mitgeteilt hat.

Euphorie auf der einen Seite, Skepsis auf der anderen Seite. Varg konnte, davon geht man jedenfalls aus, während seiner Haftzeit doch gar keine andere Instrumente als ein Keyboard spielen und sich mitnichten "weiterentwickeln". Oder würde er nun etwas ganz anderes machen, und wie viele seiner einstigen Black Metal-Weggefährten einen Stilbruch durchexerzieren? Zwar hat Varg erklärt, sein neues Album - welches nach einigen Irrungen und Wirrungen schließlich den Titel "Belus" erhielt - würde nicht soviel anders klingen wie seine alten Black Metal-Alben.

Aber nachdem auf Amazon erste Samples vom neuen Album hörbar waren, und jeder zumindest einen ersten Eindruck von "Belus" erhalten konnte, hätte die Überraschung beim Anhören des vollständigen Albums nicht größer sein können!

Das Intro, "Leukes Renkespill (Introduksjon)", klingt frappierend nach "Decrepitude II" auf "Filosofem". Nachdem das erste Riff von "Belus' Død" erklingt wird klar: BURZUM sind zurück, und wie! "Belus' Død" ist im Grunde genommen die metallische Variante von "Dauði Baldrs" auf dem gleichnamigen Ambient-Album. Man bekommt eine Ahnung von dem Potential welches in diesen Ambient-Alben steckt, hätte Varg sie damals nur mit Gitarre, Bass und Schlagzeug aufnehmen können. Das zweite Lied, "Glemselens Elv", ist BURZUM in Perfektion. Fast über 12 Minuten lang, mit ganz einfachen Mitteln erschaffen, zieht es den Hörer unweigerlich in seinen Bann. Melancholie + Monotonie, das war und ist das Erfolgsrezept von BURZUM. Wobei Monotonie in diesem Fall keinesfalls langweilig ist, sondern - gemäß schamanistischer Tradition - in Form der Repetition einen Trance-gleichen Zustand induziert. Über der Endlosschleife von schleppenden Schlagzeug und Bass wiederholt sich die identische Abfolge von Riffs, welche von einer beschwörenden Stimme (Varg variiert zwischen Krächz- und Klargesang) und gelegentlichen Gitarren-Soli zu einem einzigen, emotionalen Erlebnis abgerundet werden. Ja genau, es geht bei BURZUM in erster Linie um Emotionen! Kaum eine andere Black Metal-Band, erst recht nicht heutzutage, ist in der Lage, eine vergleichbare Stimmung beim Hörer auszulösen. Man fühlt sich einsam, verloren, autistisch ganz und gar. Man geht völlig in dieser Musik auf, wenn man die Augen schließt. Das ist bereits mehr als nur Musik oder Kunst - das ist Magie! Und BURZUM entführt den Hörer auf eine Reise ins Ich, aber Varg - ganz der große Künstler und Menschenkenner - stößt niemanden in einen seelischen Abgrund. Denn er führt uns aus der Dunkelheit zurück ins Licht - so, wie es das Konzept von "Belus" (Tod und Wiedergeburt des Lichtgottes) ja auch verspricht.

Das dritte Lied, "Kaimadalthas' Nedstigning", ist deutlich aggressiver und erinnert an "Inn I Slottet Fra Droemmen" vom bisherigen Überalbum "Hvis Lyset Tar Oss". Danach kommt mit "Sverddans" das kürzeste und ungewöhnlichste Lied auf dem Album, was vor allem an dem growligen Gesang von Varg liegen dürfte. Das nachfolgende Lied "Keliohesten" hat Ähnlichkeit mit "Jesu Død" von "Filosofem". Abschließend gibt es "Morgenrøde" und "Belus' Tilbakekomst (Konklusjon)", die im Grunde genommen ein einziges, langes Lied darstellen. Hier entfaltet sich noch einmal die ganze Wucht der Hypnose dieser Band, man wird förmlich von der Musik absorbiert und findet ohne weiteres den eskapistischen Weg aus dem tristen und banalen Alltag in das Licht des Weißen Gottes; und die neue Welt, die seine Wiederkehr verheißt.

Die Produktion ist schlicht und angemessen. Aufgenommen wurde das Album laut Varg im legendären Grieghallen-Studio; und in der Tat wurde die musikalische Essenz, aus der sich die einzigartige Atmosphäre von bisher jeden (metallischen) BURZUM-Album gespeist hat, ganz vorzüglich konserviert. Ein klitzekleines Manko stellt das Cover mit dem neuen BURZUM-"Logo" dar; da hätte man sich doch etwas anderes erhofft. Aber BURZUM war schon immer eine durchgängig musikalische und keine visuelle Angelegenheit.

Es ist nicht zu hoch gegriffen wenn "Belus" attestiert wird, das bisher beste BURZUM-Album zu sein. Auf "Hvis Lyset Tar Oss" und "Filosofem" gab es, bedingt durch die Ambient-Stücke, keine ganzheitliche Vollendung. Diese ist mit "Belus" gelungen. Irgendein Keyboard gibt es nicht zu hören; Varg konzentriert sich ganz und gar auf die urtypischen Ingredenzien des norwegischen Black Metal. Dabei macht er seine Sache so gut, und scheinbar so spielend leicht, dass man ohne weiteres den Meister in ihm erkennt. Ohne sich auch nur anstrengen zu müssen hat Varg alle Epigonen, die seit der Zwangspause von BURZUM die Szene überflutet haben, auf ihre hinteren Plätze verwiesen. Zugleich hat er das intensivste und intuitivste Black Metal-Album seit einer halben Ewigkeit erschaffen. Varg braucht kein Kabbala-Brimborium, um den nordischen Black Metal so effektvoll wie kaum eine zweite, skandinavische Band der Gegenwart zu vertonen. Jemand hat unlängst gesagt, der wahre norwegische Black Metal sei gar nicht gestorben. Er sei zusammen mit Varg eingesperrt gewesen, und jetzt mit ihm gemeinsam zurückgekehrt. Das passt zu "Belus" in mehr als nur einer Hinsicht, und dieses Album kann vielleicht wirklich ein Wendepunkt in einer Szene, die sich ansonsten übersättigt im Kreise dreht, sein. BURZUM komprimiert den Black Metal auf das Wesentliche, das Essentielle - die Schöpfung einer Gegenrealität, durch das musikalische Malen von Visionen vor dem inneren Auge des Zuhörers. Für mich steht fest: "Belus" ist ein Kunstwerk, und Varg ist vielleicht der letzte Künstler im Black Metal. (VV)

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